Erwacht und weggeflogen / 2013-04-17

Erwacht und weggeflogen

Das Sommerfestival des Balletts, das nicht zum ersten Mal die zentralen Theaterbühnen in Moskau okkupiert, gehört zu den Massnahmen, auf die diejenige Zuschauer verzichten müssen, die sich bevor kein echtes Ballett in einem echten Theater  ansahen. Während aller Sommermonate wird hier der Ruhm des Russischen Theaters um ein billiges ausverkauft : ein paar Jahre später versetzte eine Gruppe der geschäftsmaessigen Menschen Petersburger know-how in die Hauptstadt – weisse Schwanenballettröckchen wurden mit Bussen mit ausländischen Touristen multipliziert.  

Ein ausländischer Rentner, der am Tage einen Marathonlauf Kreml-Arbat-Twerskaya-Strasse  durchliefen, ist gegen Abend schon nicht in der Lage auszurechnen, dass für dieselbe 700 Rubel, die er für eine Bank am obersten Rang im Theater ausgibt, kann er sich Russisches Ballett zu Hause in London, New-York oder Peking ansehen. In Moskau aber werden die von schlechter Qualität unbekannten Marken dem Tourist aufgedrängt, dabei steht ein Name an der Litfassäule, der auf einen guten Stammbaum Anspruch erhebt, der mit Kodeworten “russisch”, “national”, “imperial” bezeichnet  ist. Man gibt “Dornröschen” (oder “Schwanensee”, oder “Nussknacker”),und da gibt es die Prinzessin Aurora und Prinz Desire, Blumenwalzer und sogar die dazu beigelegenen Körbchen und Girlanden – alles, was bei Petipa üblich ist, dessen Name auch auf der Aufführung des “Dornröschens” im Bolschoi Theater steht. Aber derselbe Walzer in der Aufführung in der “Neuen Oper” wird nicht von 64 Menschen gespielt, sondern von 16, Gold der Versailler Gemächer wird bis  Senfschattierung herabgesetzt, und die Lenbensschönheit und ewiges Licht des Gutes verkörpernde Fee Sireni verbreitet sich in Sprungen wie ein Bombenflugzeug, das nicht so hoch fliegt.

Das Publikum, das nach dem Touristentag erschöpft in die Sessel gefallen war, reagierte flau und keinesfalls entbrennen wollte – weder in die Laute von Tchaikovski (unter den Händen des Dirigenten Oleg Beluntsov blieb in seiner Musik keine Sehnsucht – nur ein sieghaftes Gepolter des Kupfers), noch in die Schau der Hofleute in puderigen Perücken, noch in die erste Erscheinung von Aurora, die spielerisch mit mehreren kleinen Sprüngchen durch die Treppe springt. Aber genau dieser Prinzessin hat es geschafft, den Abend zurückzugewinnen, der es schien schon verloren wurde. Nachdem Liudmila Konovalova sich nicht so sicher im ersten Auftritt aufrecht gehalten hatte und ein bisschen gespannt das Zeremonial des Treffens mit herrschenden Eltern erfüllt hatte, verwandelte sie sich mit den ersten Adagiolauten mit Kavalieren. Mit jedem Pa, mit jedem ausgefeilten Attitude, mit jedem flexiblen und unglaublich hohem Developpe  gewann die Ballerina ihre Erfolgszuversicht. Und während dieses gedehnten und feierlichen, wie Alexandrinner Adagios, lebte das Publikum plötzlich  auf, als ob das bis dahin mit der Letargie gehemmt wurde. Hinter dem Rücken der Tänzerin flimmerte die Versailler Aussicht, in der Nähe wie Fahnen zappelten Palastensäule, aber der Tanz auf hoher akademischer Ebene ragte höher dieses Unsinns. 

Während der fünf Jahren, die Konovalova  im “Russischen Theater” verbrachte, tanzte sie fast das gesamte Repertoire: “Schwanensee”,  “Giselle”, “Nussknacker”,  “Don Quixotte”,  Fee Sireni aus “Dornröschen”. Sie blieb aber fast überall eine ausgezeichnete Schülerin, die zu ernst die klassische Poesie nahm, so dass  von Odillija die unübertroffenen doppeleten Touren liess, von Odetta – die aussergewöhnlichen Linien Adagio, von Kitri – ein heftiges und schnelles Fouettes, von Giselle – die Klassizität der Posen. Dornröschen erwies sich als die Gestalt, in der es ihr geschafft hat  die vorhergehenden Erfolge zu verbinden und sie dabei mit der eigenen einzigartigen Intonation zu beleben. Die heutige Situation gewöhnte schon daran, dass die Rolle der Prinzessin Aurora am häufigsten den Tänzerinnen-Ingenue zur Verfügung gestellt wird, den Spitzenpüppchen,  und hinter ihrem Kindercharme bleiben diejenige Geistaufschwunge unerklärlich, mit denen Tchaikowski und Petipa die Heldin ausstatteten. Konovalova aber, ohne in eine entzückende Geziertheit zu fallen, gab ihr während ihres Debüts Geisterruhe und innere Eleganz zurück, so dass Akzente sich selbst  in der Aufführung ausglichen und ein Finalhochzeitspas de deux als ihr Gipfel wurde. Das forderte von der Tänzerin Klarheit und Oberstfeierlichkeit. Sie entstanden dank der Hilfe von Wiking – ein würdiger Prinz Desire, der von dem aus der Wiener Oper angekommenen Iwan Popow gespielt wurde. Während er sich betont hinter der Tänzerfreundin verbarg, führte er sie leicht durch die Mehrheit der kompliziertesten Unterstützungen und zeigte ein echtes Prinzaussehen und die Art der Mariinski Lehre. 

Die Harmonie dieses Duos rechtfertigte die Folter mit dem Ballett, in die sich die Aufführungen des Sommerfestivals verwandeln, als ob sie für das Ziel geschaffen wurden, um immun gegen selbst Genre zu machen. Leider erschien dieses Duo auf dem Moskauer Balletthorizont später als in Europa – ihre zweite Aurora tanzten Konovalova und Popov im Opernhaus in Rom, wohin sie von legendärer Carla Fracci eingeladen wurden, die selbst in der Aufführung die Rolle der Fee Carabosse zu spielen wünschte. Und nach den ein paar Monaten der Tänze in Kuzminki wird die Tänzerin Berliner Staatsballett in Italien vorstellen, wohin sie von Wladimir Malachov eingeladen wurde. 

  Es geht um den Weg zum Erfolg einer hervorragenden Ballerina Liudmila Konovalova. Sie erfahren darüber, wo sie getanzt hat und welche Rollen gespielt hat.