"Grand Jete" von Ost nach West / 2009-08-01

Sehr geehrte Frau Konovalova, wann und wie kamen Sie zum Ballett?

Ich glaube, ich wollte schon tanzen, als ich gerade zur Welt gekommen war, denn ich erinnere mich nicht, einmal nicht tanzen gewollt zu haben! Meine Mutter tat alles dafür, dass ich Tänzerin wurde. Als sie mich zum ersten Mal zum Ballettunterricht brachte, war ich vier Jahre alt. Sie ging mit mir in das Bolshoi-Theater. Das erste Ballett, das ich sah, war „Der Nussknacker“. Ich liebte es zu tanzen, aber nur zu der klassischen Musik, die oft bei uns zu Hause gespielt wurde. Diese Musik weckte in mir etwas auf, etwas Wunderbares. Mit der Liebe zur Musik kam das Verlangen zu tanzen! Mit zehn Jahren kam ich auf die Moskauer Bolshoi-Akademie. In den ersten Jahren war es dort sehr schwer für mich, denn ich musste lernen, dass Ballett nicht nur aus dem Vergnügen des Tanzens besteht. Am Anfang steht harte Arbeit. Am wichtigsten waren für mich die Lehrer, besonders drei: Da war zunächst Jewgenia Shinkorenko, die mich sehr liebte und genau auf mich eingehen konnte. Sie wusste wann sie streng sein musste und wann ich mehr Trost und Zuspruch brauchte. Dann war da Liudmila Kolenchenko. Sie brachte uns nicht nur bei, Pirouetten und Arabesken zu machen, sie brachte uns auch die besondere Atmosphäre nahe. Sie lehrte uns die alten russischen Traditionen und vermittelte uns die Kunst zu achten, die wir erlernten. Meine dritte Lehrerin, die mich bis zur Abschlussprüfung begleitete, war Elena Bobrova. In dieser Zeit war ich nicht gerade ein Engel und  fehlte oft im  Unterricht. Aber sie führte mich immer zurück auf meinen Weg, indem sie mir beibrachte, meine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Erst später habe ich verstanden, wie Recht sie hatte.

Ihre Karriere hat sehr früh und fulminant begonnen: Unmittelbar nach dem Abschluss Ihrer Ausbildung wurden Sie beim Russischen Staatsballett engagiert und stiegen dort rasch zur Ersten Solistin auf. Wie kam es dazu und welche Rollen bzw. Funktionen hatten Sie bei diesem Ensemble?

Der Direktor des Russischen Staatsballetts, V.Gordeev, einst Star des Bolshoi-Balletts, sah mich, als ich  noch  in der  Bellettschule war. Er lud mich in seine Kompanie ein, mit dem Versprechen auf große Rollen und der Part der Ersten Solistin. Am Anfang war es sehr schwierig. Es war eine große Umstellung, von der Schule in den Beruf zu treten. Plötzlich ist man allein, niemand sagt einem mehr, ob man etwas richtig oder falsch macht. Die Verantwortung ist groß. Doch schnell bekam ich wichtige Rollen, da V.Gordeev an mich glaubte und mit mir trainierte. Meinen ersten „Schwanensee“ hat er persönlich mit mir einstudiert. Er hat sogar die berühmte Ballerina Lubov Kunakova vom Mariinskij-Theater eingeladen, um mit mir zu proben. Aber stets war mit ein großes Maß an Eigeninitiative wichtig, bei meinem Training allein und mit meinem Lehrer Rano Karimova. Wir bereite­ten von uns aus neue Rollen vor - und dann erhielt ich diese Rollen auf der Bühne. Ich glaube, wenn man etwas wirklich tanzen will, sollte man das auch zeigen.

Vielen unserer Leserinnen und Lesern sind Sie insbesondere durch die zahlreichen Tourneen des Russischen Staatsballetts ein fester Begriff. Wie gestaltet sich der All­tag des Tourneelebens aus Ihrer Sicht?

Das Tourneeleben ist voller Abenteuer, Jeden Tag ist man in einer anderen Stadt, es geht so rasch dass man sich beinahe verliert. Manchmal fährt man sechs, acht Stunden im Tourbus, und kaum ist man angekommen, heißt es: „Ab auf die Bühne!" Zuerst muss man sich selbst wieder finden, dann die Balance  des Körpers. In Deutschland ist der Tournee­plan meist vorab exakt festgelegt und zeitlich gut abgestimmt, aber in Ländern wie Mexiko kann es vorkommen, dass man 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn erst ankommt! Ausruhen geht nicht, das Warm-up wird im Bad improvisiert. Drei Sekunden Zeit, damit alle Ballerinen gleichzeitig in die Kostüme sprin­gen, und schon geht der Vorhang auf! Mir ist es egal, ob ich in einer Metropole tanze oder in einem kleinen Dorf. Immer versuche ich, alles zu geben, das Publikum hat es verdient. Es ist vielleicht am wichtigsten, für Menschen zu tanzen, die das allererste Mal ein Ballett sehen. Denn diese sollen einen guten ersten Eindruck erhalten. Der erste Eindruck ist der wichtigste.

Welche Rolle spielten Ballettwettbewerbe bzw. Preise für Ihrer Karriere?

Wettbewerbe sind ein spezieller Teil meines Lebens. Sie sind das Härteste im Berufsleben einer Tänzerin, denn in nur maximal zwei Mi­nuten muss man alles zeigen, was in einem steckt. Fehler dürfen einfach nicht passieren. Manchmal, wenn mein Name aufgerufen wird, möchte ich einfach weglaufen! Ich habe aber schon einige hervorragende Aus­zeichnungen erhalten. Eine davon bedeutet mir besonders viel: der Ballett-Wettbewerb, ausgerichtet von Maja Plissetskaja in Rom, 2007. Vor der Legende Plissetskaja zu tanzen war eine unglaubliche Ehre, aber auch eine gewaltige Verantwortung, denn ich hatte den Pas de Deux des Schwarzen Schwans ausge­wählt: Maja Plissetskajas Lieblingsstück. Dass ich dafür von ihr die  Goldmedaille erhielt, überwältigte mich, und vor allem, dass sie sagte, sie hätte noch nie in ihrem Leben so einen schönen „Schwarzer Schwan - Pas de Deux" gesehen.

Seit letzter Spielzeit sind Sie beim Staatsballett Berlin unter Vertag. Wie kam es dazu und welche Rollen tanzen Sie bislang?

Dass ich nach Berlin kommen konnte, ver­danke ich guten deutschen Freunden. Alles in Berlin war am Anfang schwer. Ich musste in der Hierarchie des Balletts noch einmal von Null beginnen. Und natürlich hatte ich Angst. Die Mentalität, das System war ein anderes als das, was ich kannte. Das Niveau dieser Kompanie ist ausgesprochen hoch. Aber ich wusste, dass ich in meinem Leben etwas ändern wollte und ich wusste, dass ich nicht warten konnte. Daher entschied ich mich fürs Arbeiten, dafür, alles zu tun, um die Erwartungen des Hauses und der Ballettmeis­ter zu erfüllen. Und bald begriff ich, dass ich Fortschritte machte. Schon nach kurzer Zeit hatte ich wieder Solopartien und Premieren. Die größte Belohnung war, dass ich schon am Ende des ersten Jahres mit Vladimir Malakhov tanzen durfte. Mit so einem großartigen Künstler zu tanzen ist wie ein Märchen, und ich fürchtete mich sehr - besonders vor dem ersten Moment - ich fühlte mich wirklich wie die Prinzessin aus der Fabel. Er erklärte mir jede Bewegung, jede Fingerhaltung. Schon von seinem Anblick kann man so viel lernen. Ich habe nur den einen Wunsch: wieder mit ihm zu tanzen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass sich dieser große Wunsch inzwischen ei­nige Male erfüllt hat.

ln der kommenden Spielzeit kommen in Berlin neue Herausforderungen auf Sie zu. Auf weiche Rollen darf Ihr Publikum sich freuen?

Für das nächste Jahr habe ich einige Angebo­te, die sehr interessant sind. Aber ich will noch nicht davon sprechen: Kommen Sie bitte und sehen Sie selbst!

ln Ihrer Biographie beeindruckt neben den Preisen bei Wettbewerben und Ihrer Tour- neetätigkeit vor allem auch Ihr Repertoire. Weiche Rollen umfasst dieses, und gibt es eine Lieblingsrolle?

Das Repertoire einer Tänzerin ist groß. Meines umfasst u.a. die Partie der „Giselle", „Odette/ Odile", „Prinzessin Aurora" und die „Fliederfee" aus „Dornröschen", „Kitri" aus „Don Quichotte", „La Sylphide", und die „Marie" aus dem „Nuss­knacker". Während der Erarbeitung einer Rol­le ist immer gerade diese Rolle die schönste von allen. Denn jede Rolle wurde zu einem Teil meines Lebens. In jeder Rolle ist ein Stück von mir.

Gibt es persönliche Wunsch- oder Traum­rollen, die Sie noch nicht getanzt haben?

Mein Traum ist es, einmal die „Nikia" in „Die Bajadere" zu tanzen. Aber natürlich  möchte ich immer so viel wie möglich tanzen, all die klassischen Ballette, die ich bisher noch nicht getanzt habe. Aber nicht nur klassische Bal­lette, auch Modernes: wie Forsythe, Kilian, Ek, Twyla Tharp und mit Choreografen zu arbei­ten.

Das harte Tourneeleben und Ihr intensives Training fordern auch Tribute und Verlet­zungen. Wie gestattet sich ihre diesbezüg­liche Situation?

Es klingt banal, aber das Leben einer Tänzerin ist nicht das einfachste. Man muss es wirklich lieben. Es fängt bei der Beherrschung mit dem Essen an, ich darf keine Süßigkeiten essen, und nichts nach 18 Uhr. Das ist nicht immer leicht. In den Ferien bin ich etwas entspannter. Die Arbeit hört niemals auf und wird niemals leichter: Immer muss man sich bemühen, noch ein wenig besser zu werden. Man lebt manchmal buchstäblich in der Oper und kriegt nicht mit, was draußen in der Welt alles vor sich geht. Aber gerade diese Zeiten sind die glücklichsten, denn dann weiß man, dass man gefragt ist. Am schlimmsten sind sicher die Verletzungen. Ein einziger Moment eines einzigen Tages, und es ist meist nur ein einfacher Schritt, bei dem man nicht aufpasst und man ist im Abseits für Monate, in denen man weder tanzen, noch laufen kann. Ich habe es gerade hinter mir und endlich, nach zwei endlosen Monaten, ist es verheilt. Die Nacht, nachdem es geschehen war, wachte ich auf und dachte: „Hoffentlich war es nur ein böser Traum!" Aber es war wahr. Schwer zu sagen, wo es dann mehr schmerzt: im Fuß oder im Herzen.

Als Solistin in Moskau und Berlin kennen Sie beide Welten aus erster Hand. Wie be­urteilen Sie die gegenwärtige Situation des Balletts in Russland und Deutschland: Gibt es Unterschiede und worin liegen die?

Natürlich gibt es Unterschiede, denn jedes Land hat seine eigene Ballettgeschichte. Ich schätze das, denn das Fremde ist immer eine Einladung zum Lernen. Ich möchte die kostbaren Qualitäten des russischen Balletts mit der Technik verbinden, die ich hier in Deutschland kennen lerne, um das Beste bei­der Ballettwelten miteinander verschmelzen zu lassen.

Welche Pläne und Wünsche haben Sie für Ihre Zukunft?

Tanzen, tanzen, tanzen, neue Lehrer, neue Erfahrungen, neue Choreografen und Kom­panien, neue Rollen und Partien entdecken!

Gibt es etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern sagen möchten, ich Sie aber noch nicht gefragt habe?

Ich glaube, jeder Künstler wünscht sich, wenn der Vorhang sich hebt, einen vollen Zuschau­erraum zu sehen und unter den Zuschauern etwas Aufmerksamkeit, etwas Gefühl. Ich glaube, es hängt von Künstler ab, aber am Ende einer Aufführung die Menschen klasten und jubeln zu sehen, sie glücklich zu sehen, das ist es, was auch uns Künstler glücklich macht! Und, dass die Leute sich wünschen, die Vorstellung noch einmal zu sehen.

Wir danken herzlich für das Gespräch!